Aus “Der Habsburg-Faktor”:
“Glauben Sie nicht, dass dieser Brief etwa dem Machthunger eines ambitionierten jungen Mannes entspringt. Solche Ambitionen – wenn ich sie je gekannt hätte – würden schweigen angesicht der furchtbaren Lage und der ungeheuren Verantwortung. Ich handle nur deswegen so, weil ich dies als meine Pflicht ansehe, denn wenn Österreich in Gefahr ist, hat der Erbe des Hauses Österreich mit diesem Land zu stehen und zu fallen.” Für Otto ist klar, dass ein solches Unternehmen ein Selbstmordunternehmen gewesen wäre, Österreich hätte unter seiner Führung militärischen Widerstand geleistet, wäre dennoch von den Nationalsozialisten überrollt worden, und er hätte mit dem Leben bezahlt.
Doch Schuschnigg ging nicht auf Ottos Vorschlag ein. Wenige Wochen später war ohnehin alles vorbei. Am 11. März 1938 lässt Hitler unter dem zynischen Code-Wort “Operation Otto” seine Truppen in Österreich einmarschieren. Für Otto einer der schlimmsten Tage seines Lebens.
Für die Welt scheinen die Massen in Österreich Hitler zuzujubeln. Hatten zuvor noch einige westliche Staaten Hitler ermuntert, allen voran England(1), auf Österreich zuzugreifen, so wrden sie nach dem Krieg nicht still, den Österreichern ihren Jubel vorzuwerfen. Dabei ignoriert man die Tatsachse, dass zu der berühmten Kundgebung Hitlers auf dem Heldenplatz in Wien auch ganze Schulklassen zwangsweise zum Jubeln hingeschafft wurden, während zur gleichen Zeit zahlreiche Widerständler, darunter viele Legitimisten, in das KZ Dachau verfrachtet wurden(2). Otto von Habsburg wird als Landesverräter diffamiert und in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
(1) Botschafter Henderson hatte Staatsekretär von Neurath zugesichert, England werde im Falle einer Invasion in Österreich nichts tun. Neurath hat diese Botschaft nicht weitergeleitet. Später frage noch der Herzog von Windsor bei einem Besuch in Berlin nach: “Wann schlagt ihr zu?” Einzig Mexiko protestierte gegen die völkerrechtswidrige Aktion.
(2) Darunter auch die direkten Nachkommen von Erzherzog Franz Ferdinand, dessen Söhne Max und Ernst von Hohenberg. Ihre Kinder hingegen sind mit ihrer Schulklasse zur Kundgebung Hitlers gegangen, während die Väter verhaftet wurden.




